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Grenzbestimmung der Eingebung

Die scholastischen Theologen nahmen (...), teils die Stellen der Kirchenväter von dem strengen Inspirationsbegriff, ganz wörtlich, und übersahen die anderen Stellen, in welchen die Eingebung nicht so weit ausgedehnt wird; theils nahmen sie auf diese letzteren Rücksicht, und erklärten aus diesen jene ersteren. So entstanden zwei Parteien. Die erste erstreckte die Inspiration l. auf den Entschluß des Schriftstellers, dieses zu schreiben, 2. auf die Wahl der Sachen, z. auf die Wahl der Wörter, 4. auf die Wahl der Ordnung der Sachen, und 5. auf die Wahl der Ordnung der Wörter. Die zweite Partei blieb bei dem göttlichen Beistande zur Verhütung der Irrtümer stehen. Da beide Parteien und auch die Protestanten die Inspiration und das göttliche Ansehen der Bücher verteidigten, so hat der Kirchenrat von Trient, der sich wie billig, in Schulstreitigkeiten nicht einließ, hierüber nichts entschieden. Der Streit dauerte also fort, und wurde wohl bisweilen noch heftiger. In einigen Gegende war die erste, in anderen die zweite Partei herrschend. Auf den Universitäten in Niederlanden wurde eine lange Zeit der strenge Inspirationsbegriff gelehrt; daher gerieten die Fakultäten der Theologie zu Löwen und zu Douai in Bewegung, als die Jesuiten, Lessius und Hamelius zu Löwen unter andern auch den mildern Inspirationsbegriff öffentlich verteidigen ließen. Die Doktoren dieser Fakultäten censurierten 1586, besonders durch die Betriebsamkeit des gelehrten Estius (d.i. Willem Hessels van Est; Anm. d. Red.), nebst einigen Lehrsätzen über die Gnade und Prädestination, auch folgende drei Lehrsätze von der Inspiration und dem göttlichen Ansehen der heil. Bücher.

Ut aliquid sit scriptura sacra, non est necessarium, singula ejus verba esse inspirata;

Non est necessarium, ut singulae veritates et sententiae sind immediate a spiritu saneto ipsi scriptori inspiratae.

Liber aliquis, qualis est fortasse secundus Maccabaeorum, humana industria sine assistentia spiritus sancti scriptus, si spiritus sanctus postea testetur, ibi nihil esse effictur scriptura sacra.

Auf diese Zensur von den zwei Fakultäten, machten die niederländischen Bischöfe Anstalten zu einem Kirchenrate ihrer Provinz, um diese Lehrsätze aus ihren Kirchensprengeln zu verbannen. Allein Sixtus V., an welchen sich die Jesuiten indessen gewendet hatten, ließ durch seinen Nuntius den Bischöfen bedeuten, daß er sich die ganze Sache vorbehalte, und so wurde die Unruhe gestillt; denn auch Sixtus fand nicht nötig, den Streit untersuchen zu lassen, obgleich die censurirten Thesen bald darauf, in einer neuen Auflage mit dem Beisatz erschienen: ab ipsis ibidem professoribus pro suis angitae et scholiis illustratae. Richard Simon schreibt Hist. Crit. du N.T. Ch. 23. p. 280. von diesen Lehrsätzen: "sie scheinen allerdings mit dem gesunden Menschenverstände übereinzustimmen, und sind nicht einmal von der Theologie der alten Kirchenväter entfernt, denen man hierinfalls doch mehr Gehör geben muß, als dir heiligen Fakultät zu Löwen." Es haben daher auch hernach, nicht nur die Jesuiten, wie Cornelius a Lapide, Suarez, Bonfresius, Bellarmin, sondern auch andere gelehrte Theologen, wie der Bischof Huetius, Du Pin, Calmet, Serry u. a., auf diese Censur gar keine Rücksicht genommen, und Richard Simon hat dieselbe Hist. Crit. du N.T. Ch. 24. p. 287-297. Punkt für Punkt wiederlegt. Wirklich läßt sich auch dieser strenge Inspirationsbegriff, den die Löwenischen Theologen verteidigten, mit der Verschiedenheit der Schreibart in verschiedenen Büchern-, und besonders mit der Verschiedenheit der Wörter in den Reden , die nur einmal ausgesprochen, und in der Bibel zwei Mal mit verschiedenen Wörtern angeführt werden, wie 2 Sam. 4,4 — 17. und 1 Chron. 17, 3 — 15., 1.Kön. 8, 23 — 53. und 2 Chr. 6, 14 — 42., 2. M. 22, 1 — 14. und 5 M. 5, 6—18., auf keine befriedigende Art vereinigen, nicht zu gedenken, daß ein so weit ausgedehnter göttlicher Beistand zu dem Endzwecke, nähmlich zur Untrüglichkeit und zum göttlichen Ansehen der heiligen Schriften überflüssig, und ganz zwecklos gewesen wäre.

aus: Johann Jahn, Einleitung in die göttlichen Bücher des alten Bundes. Wien: Chr. Friedr. Wuppler und Beck. 2. Aufl. 1802. pp.106ff  (Rechtschreibung zur besseren Lesbarkeit leicht modernisiert)