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2. Die Stiftung Torrentius

Gegen Ende des Jahres 1593, dank einer wichtigen Spende des Bischofs von Anvers, Liévin Van der Becke (Torrentius), fand sich die Gesellschaft Jesu in der Lage, Kurse in Löwen anzubieten. Die erste Idee des Prälaten war gewesen, sich der Stiftung des Kollegs von Anvers anzunehmen; aber einlenkend aufgrund eindringlicher Bitten einiger Pater, lenkte er seine Bereitschaft nach Löwen. Zunächst gab er sich mit einer außerordentlichen Lesung der Metaphysik und der Mathematik zufrieden; dann, angetrieben von den selben Einflüssen, wollte er dort einen kompletten Philosophiekurs, wie in Douai.

Kaum wurde dies Projekt bekannt, erhob sich in Löwen ein sehr heftiger Widerstand. Er manifestierte sich in einem Briefwechsel zwischen der Universität und dem Bischof, Briefe, in denen die Höflichkeit des Tons schlecht die heftige Gereiztheit verbargen. Im Namen ihrer Privilegien protestierten die Löwener gegen das, was sie eine fünfte pädagogische Anstalt nannten. Diese würde, so sagten sie, den Ruin der Fakultät der Künste herbeiführen und, indem sie ginge, den der Universität selbst, die diese Fakultät ernähre. Ein doppeltes Hemmnis spräche gegen diese Neuerung: die Unentgeltlichkeit der Kurse, welche die gesamte Jugend zu den Jesuiten ziehen würde, und die Unabhängigkeit der Pater gegenüber der akademischen Autorität, die eine Quelle der Unruhe und des Unfriedens werden würde. Sie baten daher inständig den Prälaten, sich mit dem Unterricht der Metaphysik, der Ethik und der Mathematik zu begnügen, Fächer, die nicht Teil der Programme der pädagogischen Anstalten waren und von denen alle Welt erfreuen wäre, würden sie in Löwen gelehrt. Wenn der Bischof auf seinem Projekt bestehe, seien sie entschlossen, «sich mit all ihren Kräften und mit allen rechtlichen Mitteln zu widersetzen».

Man sieht, die Opposition der Universität erstreckte sich nur auf die gewöhnlichen Lesungen, den kompletten Unterricht, den Studiengang, wie man damals sagte. Wenn die Jesuiten eingewilligt hätten, wie es die weisesten von ihnen wollten, sich mit den außergewöhnlichen Lesungen, den leçons extraordinaires zufriedenzugeben, wäre der Konflikt zu vermeiden gewesen; aber die Unnachgiebigkeit einiger, welche die Stärke des Widerstands der Kontrahenten unterschätzten und glaubten, ein einfaches Wort des Generalgouverneurs würde sie beugen, sollte die Gesellschaft Jesu in die größten Schwierigkeiten bringen.

Die Anhänger des kompletten Kurses hatten die Idee dem Bischof nahegebracht. Da er befürchtete, vom Tod überrascht zu werden, hatte Torrentius kaum erwarten können, zu einem Ergebnis zu kommen und zeigte sich sehr erstaunt über die Emotion, die sein Projekt in Löwen hervorrief. «Er sieht darin nur, schrieb er, das Wohl der Universität, der Stadt und seines Vaterlandes». Auch der Ordensgeneral selbst schien zu gewinnen. Bei der ersten Annäherung hatte ihn das Projekt zugelächelt, aber er hatte damals zur Bedingung gemacht, das man die Zustimmung der Universität habe. Von dieser Zustimmung war man weit entfernt und die Pater befanden sich in einer delikaten Situation, zwischen dem Wunsch des Spenders und der Furcht, die Löwener zu verärgern. Um diese Dinge in Einklang zu bringen beschlossen sie, den Studiengang auf bessere Zeiten aufzuschieben und den Bischof dazu zu bringen, sich für den Moment mit einem öffentlichen Unterricht der Metaphysik zufrieden zu geben. Die Einweihung wurde für den Januar 1595 anberaumt. Man bereitete die Örtlichkeit und das Unterrichtsmaterial vor. Auf diese Art wurde die Fakultät aufmerksam gemacht. Sie protestierte beim Rektor der Universität, sie würde die Eröffnung dieses Kurses nicht tolerieren; woraufhin man ihnen erwidern musste, ein derartiger Widerstand sei ungerechtfertigt, da der akademische Senat in seinen Briefen an den Bischof das Projekt formal anerkannt habe. Aber, entgegnete die Fakultät, die Jesuiten werden sich nicht daran halten und dort, unter dem Deckmantel der Metaphysik, den gesamten Studiengang erteilen. In der Tat, erklärte Pater Jacques Stratius, Rektor des Kollegs, ehrenhaft, habe Torrentius auf seiner Intention bestanden; er gab sich mit der Metaphysik nur bis zu jenem Augenblick zufrieden, wo die Umstände es erlauben, den kompletten Studiengang abzuhalten.

Auf Ansuchen der Delegierten erklärte sich Pater Stratius bereit, die Eröffnung des Unterrichts bis Mitt-Januar zu verschieben, um ihnen zu erlauben, in Gespräche mit dem Prälaten einzutreten.

Am 8. Januar kam eine Delegation nach Brüssel, die den Bischof inständig bat, von seinem Projekt abzusehen. Er zeigte sich unerschütterlich: Er hätte, sagte er, gut abgewogen; sie würden ihn nicht dazu bringen, von seiner Idee abzugehen, und niemand könne verhindern, dass sie ausgeführt werde. Gleichwohl hatte man bei einem Treffen mit den Patern Manare und Georges Duras eine Einigung erzielt, die man die Convention de Bruxelles nannte. Darin wurde angeordnet, die Gesellschaft Jesu könne unmittelbar den öffentlichen Unterricht der Metaphysik einleiten; aber sie verpflichte sich, sich nicht in die Logik und die Physik einzumischen und den kompletten Studiengang so lange zu verschieben, bis eine jährliche Pension von 600 Gulden an die pädagogischen Anstalten angewiesen werden könne, um ihnen zu erlauben, ebenfalls kostenlosen Unterricht zu geben.

Alles schien nach Wunsch zu verlaufen und am folgenden Tag dinierte man mit dem Bischof, um dort freudig die zustande gekommene Einigung zu feiern. Diese Freude war verfrüht. Man hatte ohne die Fakultät gerechnet. Diese lehnte es ab, die Convention zu ratifizieren, erhob neue Einwände und machte neue Ansprüche geltend. Die festgelegte Summe, sagte sie, sei unzureichend; dann müsse man, neben der Frage der Unentgeltlichkeit, auch die Frage der Subordination der Jesuiten unter die akademische Obrigkeit und jener der Fakultät der Künste regeln. Im Grunde wollte sie um keinen Preis der Gesellschaft Jesu das Recht auf Unterricht anerkennen. Sie verteidigte hartnäckig ihr Monopol. Sie berief sich zu diesem Zweck auf etwas, was sie ein Statut der Universität nannte, was aber in Wirklichkeit lediglich eine Beschluss der Fakultät selbst war: «Niemand ist zugelassen, öffentlich die Philosophie zu unterrichten, außerhalb der Pädagogien.»

Die Fakultät der Künste lehnte es ab, sich nach der Convention de Bruxelles zu richten, der Provinzial gab durch Anschläge den Eröffnungstag des Metaphysik-Kurses für den 23. Januar bekannt. Vergeblich bat man ihn um einen neuen Aufschub und drohte ihm einen Prozess an; am festgesetzten Datum gab der Pater Marc Van Doorne die Eröffnungsvorlesung vor einer zahlreichen Zuhörerschaft, die sich größtenteils aus Theologen und Juristen zusammensetzte. Am nächsten Tag begannen die regulären Klassen mit etwa vierzig Studenten und sieben Scholastikern der Gesellschaft Jesu.

Torrentius war zufrieden. Am 1. Februar 1595 sandte er seine Stiftungsbriefe nach Rom, wo er den sofortigen Unterricht der Metaphysik zur Bedingung machte und, sobald die Umstände es erlaubten, den vollständigen Studiengang der Philosophie. Die Besprechungen dauerten fort. In einer Denkschrift vom 26. Januar 1595 gab die Fakultät der Künste die Bedingungen bekannt, zu denen die Gesellschaft Jesu zu unterrichten zugestanden würde. Diese antwortete darauf am 19. Februar, und erklärte sich bereit, die meisten der neu vorgeschlagenen Artikel zu akzeptieren. Die Fakultät war nicht zufrieden und auf ihr Ersuchen hin ordnete die Universität am 3. März an, sich an die Kanzlei von Brabant zu wenden. [weiter]

aus: Alfred Poncelet S.J., Histoire de la Compagnie de Jésus dans les anciens Pay-Bas, Brüssel 1926, p. 192-198 - eigene Übersetzung