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Initialzündung für einen Roman

Als mein Agent mir das letztes Romanskript zurückgab, sah er mich nachdenklich an und fragte, ob ich nicht zur Abwechslung einmal über etwas schreiben wolle, von dem ich etwas verstünde. Wir gingen verschiedene Themenbereiche durch, die mir durchaus vielversprechend zu sein schienen, die er jedoch als unbrauchbar verwarf. Schließlich kam ich auf mein langjähriges Studium zu sprechen. Vielleicht ließen sich ja die 18 Semester Theologie irgendwie sinnvoll verbraten. Sein Gesicht hellte auf. Ja, Kirchengeschichte gehe immer, meinte er.

Jetzt galt es, ein Thema zu finden, dass im schlimmsten Fall über mehrere Jahre mich zu faszinieren im Stande sei. Denn ein gutes Buch, ein dicker Historienschinken noch dazu, braucht seine Zeit des Entstehens. Höre, was dein Herz dir sagt, lautete der weise Rat einer esoterisch leicht hypersensibilisierten Freundin. In diesem einen Punkt behielt sie Recht. Mein Herz schlug von je her für Reformation und Gegenreformation: als ehedem fundamental-charismatischer Weltverbesserer imponierten mir die Versuche der Jesuiten, durch eine radikale Frömmigkeit wieder Boden innerhalb der unglaubwürdig gewordenen Kirche gut zu machen. Nichts anderes versuchten ja auch wir in unserer kleinen anarchistischen Freikirche.

In die Zeit der Gegenreformation fällt auch der Kampf der Niederlande gegen das spanische Königshaus: der Tachtigjarige Oorlog, der achtzigjährige Krieg, der von 1568 bis 1648 andauerte. Dieser Kampf erwies sich immer wieder auch als Religionskrieg, als Aufstand tiefgläubiger Protestanten gegen die Inquisition und für ihren neuen Glauben an den alten, gemeinsamen Gott.

Diese Erneuerung des Glaubens hatten sich Jesuiten und Calvinisten gleichermaßen auf die Fahnen geschrieben. Und beide, Katholiken wie Protestanten, waren auf der Suche nach einer neuen, einer im Alltag sich bewährenden Frömmigkeit. Trotz allem kam es zu Plünderungen, zu Bildersturm, zu immer neuen kriegerischen Auseinandersetzungen. Also ein wunderbar farbenfrohes Dekor für einen Roman, der ja nicht zuletzt von seinen Konflikten und Spannungen lebt.

Nicht zuletzt ist es die Zeit der Hexenverfolgung. Martin del Rio arbeitet hartnäckig an seinen Disquisitionum, einem sechsbändigen Werk voller Beispielerzählungen, aber auch mit Handlungsanweisungen für die Gerichte. Die spanische Inquisition nutzt die Rechtsprechung, um unliebsame Andersgläubige zu vernichten. Öl im Feuer des Glaubensstreits.

Jeder gute historische Roman benötigt eingehende Recherchen. Nachdem ich mehrere Jahre in Archiven und Büchern geforscht habe, mein Agent schon nicht mehr an das Projekt glaubte, in mir aber die Geschichte zu neuen Höhen weiterreifte, begab ich mich im September 2007 zum ersten Mal vor Ort, nach Leuven, um zu sehen, was dort noch an Spuren jener Zeit zu finden ist. Wie sah es in den 90er Jahren des 16. Jhdts. in Leuven aus? Wer lehrte damals an der Universität? Was war politisch los in der Stadt? Welche Rolle spielten Jesuiten und Calvinisten? Die Entdeckungsreise ging in die nächste Runde.

Inzwischen arbeite ich mich auch in die theologische Diskussion jener Zeit ein: Bajus und der Bajanismus, gerade in Bezug auf den späteren Jansenismus; der Zwist zwischen Molanern und Thomasianer, die Gnadenlehre nach Hessel. Spannende Themen, die im Roman sicher nur eine Randnotiz sein können, die aber wichtig sind zum Verständnis des Geisteslebens jener Zeit.