
Martin Del Rio war definitiv ein heller Geist. Seine Familie gehörte zu den ältesten und angesehensten Kastiliens. Sein Vater arbeitete als königlicher Berater in Antwerpen. Als Jugendlicher musste sich Martin durch mehrere Sprachen quälen, lernte so Latein, Hebräisch, Griechisch und Chaldäisch. Die lebendigeren Sprachen eignete er sich da beinahe nebenbei an. Neben dem Flämischen beherrschte er bald auch Spanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch, und das, wollte man seinen eigenen Erzählungen glauben schenken, noch bevor er die erste Universität von innen gesehen hatte.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Martin sich in den 90ern in Löwen aufhielt. Auf dem Server der Uni München fand ich folgenden Eintrag: "Dem Eintritt in den Jesuitenorden 1580 fogten nach einem zweijährigen Noviziat eine weitere dreijährige Unterrichtung in Philosophie, bevor Delrio einen Lehrauftrag für Theologie an der Universität in Douai erhielt. Nach Lüttich und Löwen führte ihn sein Weg u.a. nach Graz, wo er von 1601-1603 am dortigen Jesuitenkolleg Vorlesungen hielt, und Salamanca, wo er Theologie lehrte und zahlreiche Schriften verfasste. 1608 starb Delrio in Löwen."
aus: historicum.net Artikel: Martin del Rio
Zwar ist der Begriff "u.a." ein wenig schwammig, doch wenn Delrio 1601 von Löwen aus in Graz gelandet ist, besteht zumindest eine gewisse gehobene Wahrscheinlichkeit, dass er einen Teil der 90er in Löwen verbracht hat.
Er ist deshalb eine wichtige Figur, weil er der Autor des Disquisitionum magicarum libri sex (erstmals gedruckt 1599/1600, aktuell übersetzt ins Englische unter dem Namen: Investigations into Magic: Martin Del Rio. Manchester: Manchester University Press, 2000) ist. Kein unumstrittenes Werk, aber zentral für die Hexenforschung. Lange Zeit galt die Meinung, er habe damit dem Hexenwahn noch Vorschub geleistet. Mittlerweile wird er aber zunehmend rehabilitiert. Denn er habe mit dem Werk auch gezeigt, welche Möglichkeiten der Verteidigung in einem Hexenprozess existierten und so den Verteidigern ein brauchbares Mittel in die Hand gegeben.
Über die Neuübersetzung der Disquisitionum gibt es eine Besprechung auf dem Server des Instituts für Historische Forschung der Uni London. Darin weist Dr. Robert Walinski-Kiehl (University of Portsmouth) darauf hin, dass Del Rion kein voreingenommener Hexenjäger war, sondern eher einen sophisticated interdisziplinären Ansatz verfolgte: "For many early modern educated élites it made ‘sense’ to believe in the possibility of witchcraft, because the arguments used to sustain this belief could be related consistently to broader intellectual preoccupations. Del Rio certainly did not deal narrowly with witchcraft and magic, but he associated them with a variety of contemporary ‘disciplines’ that included mathematics, astrology and alchemy. [...]
After thoroughly examining the potential dangers of a whole range of occult practices, Del Rio’s final two books dealt comprehensively with the more practical problems that judges and confessors faced when dealing with practitioners of harmful magic. This particular demonological treatise provided such an extensive, wide-ranging synthesis of theological and judicial views on witchcraft and magic that it swiftly became one of the standard 17th century witch-hunting manuals."
Eine deutschsprachige Rezension der Neuübersetzung hat Joahnnes Dillinger von der Uni Trier online gestellt:
Johannes Dillinger: Rezension von: P.G. Maxwell-Stuart (Hg.): Martín Del Rio: Investigations into Magic, Manchester / New York: Manchester University Press 2000, in: PERFORM 2 (2001), Nr. 5, URL: <http://www.sehepunkte.de/perform/reviews.php?id=166>
Allerdings beschränkt sich Dillinger auf formale Aspekte der Übersetzung.
Über die Lehrsituation in Bezug auf die Hexenverfolgung erschien 2005 ein vielversprechend klingender Artikel:
Nienke ROELANTS und Dries VANYSACKER, « Tightrope Walkers on the Border Between Religion and Magic ». A Study of the Attitudes of Catholic Clerics North of the Linguistic Frontier within the Southern Netherlands Towards Superstition and the crime of Witchcraft (1550-1650), in : Revue d’histoire ecclésiastique, 100/3-4 (2005), p. 754-796
Kurzankündigung unter: DFN - Verteilerliste für Wissenschaft und Forschung
Falls irgendwer mir eine Kopie dieses Artikels besorgen könnte, wäre ich sehr dankbar.