In einem Jahr durch die Bibel

Bibelkunde im Vogelflug - Einleitung

 

Wie alles begann

Wer auf die blödsinnige Idee kam, unser gemütliches Hauskreiswochenende mit einem Bibelquiz zu krönen, lässt sich im Nachhinein nicht mehr sicher klären. Fakt ist, dass wir uns mit der Abstufung von „sehr leicht“ bis „sehr schwer“ nicht so viel Mühe hätten geben müssen. Wir saßen chipsbewaffnet im Kreis aus zusammen geschobenen Sofas und Sesseln, dachten an nichts Böses; vor dem Fenster dämmerte der Herbst vor sich hin. Aber dann wurde es irgendwie ungemütlich: „Wer war die Mutter von Kain?“ An den irritierten Gesichtern um mich herum ging mir auf: unser systematisches Bibelwissen ist, sagen wir mal, etwas eingerostet.

Nun ist so ziemlich jeder von uns in der Lage, die Bibel in der Mitte aufzuklappen, wenn er einen Text aus den Psalmen sucht. Und nur ganz wenige fangen noch vorn an zu blättern, wenn es um den Römerbrief geht. Aber schon bei der Frage, was die ersten drei Evangelien eigentlich voneinander unterscheidet, hört es dann meist auch auf.

Im Frühjahr waren wir mit einer ansehnlichen Delegation unserer Gemeinde in Dänemark. Urlaub war angesagt, angemietet hatten wir zwei wunderschöne Reetdachhäuser, ungefähr 20 Fußminuten vom Strand entfernt. Zum Glück hatten etliche von uns Handys dabei, denn in den ersten Tagen schafften es gleich mehrere Trupps, sich zwischen den Dünen gehörig zu verlaufen. In der Folge wurden mehrere Strategien entwickelt, um die Gegend kennenzulernen. Ein Technikfreak kam auf die geniale Idee, mit seiner Digitalkamera den Lageplan abzufotografieren, der am Eingang unserer Siedlung an der Straße stand. Einen anderen beobachteten wir amüsiert, wie er gleich einer Katze immer größere Kreise um unser Haus zog, bis er irgendwann völlig aus unserem Gesichtskreis verschwunden war. Und dann gab es noch jene, die innerhalb kürzester Zeit die einzige Aussichtsplattform der Gegend gefunden hatten, und sich aus der Vogelperspektive ein Bild von den räumlichen Verhältnissen der Gegend machten. So hatte jeder für sich einen Weg gefunden, die Übersicht über die Region zu gewinnen.

Zwischen diesen beiden Polen, Hauskreiswochenende und Gemeindefreizeit, entstand die Idee, die Bibel einmal aus der Vogelperspektive zu nehmen, um so etwas wie ein solides Basiswissen zusammenzustellen. Weil so etwas schnell dröge wird, und wir im Hauskreis auch noch eine Menge andere Dinge auf der Liste haben, setzten wir uns ein Zeitlimit von 15 Minuten pro Einheit, also wirklich nicht mehr als Appetithäppchen mit Möglichkeit zum Alleine-Weiterstudieren. Und, um das Ganze nicht ausufern zu lassen, kam die Idee auf, in einem Jahr mit dieser Reihe fertig zu werden. Also gewissermaßen ein ehrgeiziges Unterfangen, zumal wir uns vorgenommen haben, kein totes Faktenwissen anzuhäufen, sondern zu gucken, was das alles mit uns zu tun hat.

Die 66 Bücher und die Apokryphen

Nun ist alles, was irgendwie nach Theologie klingt, auf äußerst dünnem Eis gebaut. Legen wir doch mal los: 66 Bücher hat die Bibel, davon 39 im Alten, und 27 im Neuen Testament, oder? Im Prinzip „Ja“. Aber wenn ich zum Beispiel meine Einheitsübersetzung zur Hand nehme und beginne nachzuzählen, komme ich bereits auf einige Bücher mehr. Schummel?

Sagen wir mal, Katholiken und Protestanten sind sich in einigen Punkten nicht ganz einig, was nun eigentlich in die Bibel hineingehört und was nicht. So gibt es eine Reihe von „Apokryphen“, die die katholische Kirche auf dem Konzil von Trient (1545-1563) für zur Bibel gehörend erklärte, während Luther sie nur mit spitzen Fingern angefasst hat. Aber der hätte am liebsten auch den Hebräerbrief aus der Bibel gekickt. Nun weiß jeder, der länger als ein halbes Jahr im Verein dabei ist, dass es diese Apokryphen gibt, die man lieber nicht zitiert, wenn man gerade einen schlagenden biblischen Beweis für seine eigene Meinung braucht. Welches aber sind diese subversiven Texte? Die Makkabäerbücher gehören ebenso dazu, wie das 3. Esra, Judith, Tobit, Jesus Sirach, die Weisheiten, das Gebet Manasses, und Baruch. Weil man sich das zur Not noch merken könnte, gibt es sowohl beim Buch Daniel als auch bei Esther „apokryphe Teile“, die nun in manchen Bibeln drinstehen, und in anderen eben nicht.

Messlatte war damals das Ende des Zeitalters der Prophetie. Alle Texte, die jünger waren, sollten nach alter Definition nicht mehr dazugehören. Pech für Judith und Co.

Ebenso wissen die meisten von uns, dass das Neue Testament in einem Zeitraum von ca. 100 Jahren entstand, während das Alte einen Zeitraum von ca. 2000 Jahren umspannt (- hängt auch ein wenig davon ab, wen man fragt. Immerhin beginnt die Bibel mit der Erschaffung der Welt, die ziemlich definitiv älter als 2.000 v.Chr. ist.)

Der Kanon – oder: Was gehört denn nun wirklich dazu?

Weniger bekannt ist, dass die Auseinandersetzungen darüber, was nun wirklich zu den offiziellen Heiligen Schriften des Alten Testaments gehört, noch bis 90  nach Christi Geburt, zur Synode von Jamnia, fortdauerten. Die Entscheidung über jene Texte, die definitiv zum Neuen Testament gehörten, fiel sogar noch später, nämlich 367, als der Kirchenvater Athanasius ein Machtwort diesbezüglich sprach, das 405 von Papst Innozenz I. bestätigt wurde.

Hilft uns das?

Und jetzt, wo wir das wissen: was machen wir nun damit? Erst mal können wir uns beruhigt zurücklehnen. Wir haben die Einleitung in unseren Bibelkunde-Vogelflug überstanden, ohne dass der Kopf zu sehr raucht. Haben ein, zwei Fakten, mit denen wir uns, wenn es hart kommt, als „Wissende“ in der Gemeinde hervortun können. Und wir sind ein wenig gewarnt, wenn glutäugige Evangelisten uns Bibelstellen präsentieren wie: „Die ganze Heilige Schrift ist von Gott offenbart und dient uns zur Lehre, zur Sündenerkenntnis, Auferbauung…“ Nicht, weil so etwas ähnliches nicht auch im 2. Timotheus 3,16 stehen würde, sondern weil Paulus schon ungeheuer prophetisch begabt gewesen sein müsste, wenn er sich wirklich zu seinen Lebzeiten derart vollmächtig hinter ein Buch gestellt hätte, das es so erst etliche Jahre später gab.

Ähnliches gilt natürlich auch für Johannes auf Patmos, dem gern in den Mund gelegt wird: „Wenn jemand der Heiligen Schrift auch nur ein Jota hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen hinzufügen, die hier beschrieben stehen.“

In beiden Fällen, Timotheusbrief und Apokalypse (22,18) ist es gut, mal im Urtext nachzuschauen. Paulus sagt freundlich, dass alle von Gott inspirierte Schrift zur Lehre etc. dient (inspiriert ist hier ein Adjektiv!). Daraus im Zirkelschluss eine Verbalinspirations-Theorie für die Bibel abzuleiten, ist aber Theologie, und nicht zwangsläufig Gottes Wort.
Und Johannes redet nicht von der gesamten Bibel, sondern von seiner eigenen empfangenen Offenbarung, wie eigentlich im zweiten Teil des Verses auch klar wird. Und das ist für alle Offenbarungen/Prophezeiungen eine gute Regel: sie mit eigenem Gedankengut zu verwässern, und sei es auch nur, um sie sich oder anderen zu erklären, geht meistens schief.

Die Sprachen der Bibel

Weil wir gerade beim Thema Urtext sind: Die Faustregel „Altes Testament hebräisch, Neues Testament griechisch“ hilft schon weiter, wobei einige späte Schriften des Alten Testaments aramäisch waren, so Passagen aus Daniel und Esra. Manche behaupten auch, es hätte einen Ur-Matthäus in Aramäisch gegeben. Aber eine derartige Schrift ist nie gefunden worden. Zwar ist es bei einigen Predigern Mode geworden, gerade zur Erklärung des Neuen Testamentes das Aramäische heranzuziehen, aber für viel mehr als einen Verblüffungsgag („Ach, soo ist das gemeint“) ist das nicht zu gebrauchen – und wohl mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Manche von Euch haben vielleicht noch im Kopf, dass es eine Vulgata und eine Septuaginta gibt. Die Septuaginta ist die griechische Übersetzung des Alten Testamentes, also die Version des ATs, die später von den ersten Heidenchristen benutzt wurde, die des Hebräischen nicht mächtig waren. Diese Übersetzung wurde im 3. Jahrhundert vor Christus  begonnen. Daran, dass hier noch einige Schriften enthalten sind, die nicht im jüdischen Kanon aufgenommen wurden, merkt man, dass die Frage nach den wirklich heiligen Schriften damals noch nicht endgültig geklärt war.

Und die Vulgata? Ihr wisst ja, dass die Kirchensprache bis ins Mittelalter und teilweise noch heute Latein war. Die Vulgata geht auf den Kirchenvater Hieronymus (ab 383 n. Chr.) zurück, beauftragt vom damaligen Papst Damasus I., und ist schon nicht mehr ganz so wörtlich wie die Septuaginta übersetzt. Mit dem Konzil von Trient (1546) wurde sie zur authentischen und für die Glaubens- und Sittenlehre als verbindlich geltenden lateinischen Übersetzung erklärt.

Zusammenfassung

Ihr merkt: in diesem Vogelflug über die Bibel wollen wir sowohl den historischen Hintergrund der Texte aufhellen, als auch langsam einen roten Faden herausarbeiten, um uns den Überblick über das Buch der Bücher zu erleichtern.  Unsere Absicht ist, dass wir uns dabei ein oder zwei Textstellen genauer (sprich: im Urtext) ansehen, die für den jeweiligen Abschnitt wichtig sind. Dabei geht es hier nicht so sehr um „Glaubensfragen“. Wir sind der Ansicht, dass die Bibel allen etwas zu sagen hat, egal, ob sie sie nun für verbalinspiriert halten, für Wort Gottes – in welcher Weise auch immer, oder nur für ein religiöses Buch.

Bibelstellen zum Mitnehmen

Weil es spätestens seit Rick Warren wieder Mode ist, Bibelstellen zum Auswendiglernen mit auf den Weg zu bekommen, zieht jeder aus unserem Hauskreis jede Woche ein Bibelzitat – das natürlich vorher auf Karten geschrieben wurde. In dieser Woche sind das:

Psalm 1, 2-3: Glücklich ist, wer Freude hat an den Weisungen des Herrn und darüber nachsinnt bei Tag und Nacht. Er ist wie ein Baum am Bachufer, der unter grünen Blättern Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen.

Psalm 119, 105: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

Psalm 119, 165: Alle, die deine Weisung lieben, empfangen Heil in Fülle; es trifft sie kein Unheil.

Psalm 119, 130: Die Erklärung deiner Worte bringt Erleuchtung, den Unerfahrenen schenkt sie Einsicht.

2. Timotheus 3, 16:  Jedes von Gott inspirierte Wort ist nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.

Jakobus 1, 22: Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst.