In einem Jahr durch die Bibel

Bibelkunde im Vogelflug - Der zweite Korintherbrief

 

Zur Entstehung

Den ersten Korintherbrief schrieb Paulus in einer Art pastoralem Enthusiasmus. Er sah, dass in seinen Augen eine Menge in Korinth schief lief, und machte sich daran, die wichtigsten Themen ausführlich abzuhandeln. Heraus kam ein sehr praxisorientierter, kaum mit theologischen Grundsatzgedanken angereichertes Schreiben. Und wie es so ist, wenn geistliche Leiter Klartext reden, waren die meisten Gemeindeglieder in Korinth wenig begeistert von der Autorität, die Paulus dabei für sich in Anspruch nahm. Viele hat der Brief regelrecht erschüttert (2. Kor. 7,8).

In 1. Kor. 16,5f kündigte er ja an, die Gemeinde möglichst bald wieder zu besuchen. In seinem zweiten Brief geht er auf diesen Besuch jedoch nur äußerst kurz ein. Es muss Ärger gegeben haben – „Kummer“, wie Paulus schreibt (2. Kor. 2,1), der deswegen von einem weiteren Besuch erst einmal absah. Aber auch damit stieß er auf wenig Gegenliebe. Diejenigen, die mit seiner Art, Gemeinden zu leiten, ohnehin nicht zurecht kamen, bezichtigten ihn nun, ein Papiertiger zu sein, der nur dann zu voller Größe aufläuft, wenn er in sicherer Distanz zum Ort des Geschehens ist (2. Kor. 10,1f).

Mittlerweile scheinen sich die Fronten jedoch ein wenig beruhigt zu haben. Paulus, der nach Mazedonien und Troas weitergereist war, trifft auf Titus, der gerade Korinth besucht hatte und erfährt, dass etlichen dort der Streit mittlerweile Leid tut und sie einiges daran setzen, Paulus in der Gemeinde zu rehabilitieren (2. Kor. 7,7). So fasst er Mut und beschließt einen dritten Besuch in der Hafenstadt (2. Kor. 13,1), den er mit dem vorliegenden 2. Korintherbrief ankündigt und vorbereitet.

Was hat sich in Korinth seit dem ersten Brief getan?

Ob sich in den zwei Jahren zwischen dem ersten und dem zweiten Brief theologisch etwas in Korinth getan hat, lässt sich aus dem Brief nicht ersehen. Während der erste Brief ja eine Reihe von Problemen konkret angeht, verzichtet Paulus im zweiten vollständig darauf, sich in die Gemeindeinterna von Korinth einzumischen.

Nur zwischen den Zeilen lässt sich ahnen, was in der Zwischenzeit passiert ist. Wie oben schon erwähnt, hat der 1. Korintherbrief eine deutlich anti-paulinische Stimmung in der Metropole geschürt. Paulus  trat damals recht ruppig auf und hatte keine Probleme damit, Leute aus der Gemeinde auszuschließen („dem Satan zu übergeben“), die seiner Meinung nach deutlich jenseits der Grenzen agierten (1. Kor. 5,4f). Zwar haben Teile der Gemeinde sich von diesem Sünder distanziert, insgesamt aber hat Paulus sich dabei offensichtlich jedoch nicht durchsetzen können. Und so lenkt er ein: „Die meisten haben ihn ja bestraft, und damit soll es gut sein. Damit ist der Zweck meines Briefes ja erfüllt gewesen. Und nun vergebt ihm, ermutigt ihn und zeigt ihm eure Liebe“, so die weniger drakonische Variante von 2. Kor. 2,5-11. (Da Paulus sich deutlich auf den Ausschluss im ersten Brief bezieht, und der junge Mann, der mit seiner Schwiegermutter geschlafen und dies auch noch mit der christlichen Freiheit gerechtfertigt hatte, der einzige war, den Paulus im ersten Brief ausschließen lassen wollte, ist der Bezug eindeutig. In 2. Kor. 7,12 geht er erneut auf diesen Mann aus diesem ersten Brief ein. Hier scheint also ein Hauptkonflikt aufgebrochen zu sein.)

Aber auch, wenn Paulus in Kapitel 7 schon wieder ein sehr friedfertiges Bild der Korinther Gemeinde zeichnet, zeigt doch der ganze Brief, wie stark die anti-paulinische Stimmung in Korinth noch immer sein muss. Sieht man einmal von dem Abschnitt ab, in dem er für die Jerusalem-Kollekte wirbt (2. Kor. 8+9), ist der Brief eine reine Apologie, ein Verteidigungsschreiben. Und davon, dass es immer noch die verschiedensten Lehrmeinungen gibt, zeugt das Kapitel 11 (insb. Vers 13ff) über die „falschen Apostel“ in Korinth.

Wo findet man was?

Ein Zeichen für die theologische Einstellung des Paulus (und sein rhetorisches Geschick) ist wohl, dass er selbst diesen Rechtfertigungsbrief nach allgemeinen Grußworten mit einem Dank für Gottes Hilfe beginnt (1,3-11). Aber dann geht es in medias res: Paulus rechtfertigt seine vorhergehende Korrespondenz, sagt aber gleichzeitig, dass die Reaktion darauf auch der Grund war, warum er bisher nicht wieder in Korinth aufgetaucht ist (Kap. 1,12 – 2,4, gefolgt von der Rücknahme seiner Entscheidung bezüglich des Gemeindeausschlusses 2,5-11).

Danach versucht er seinen apostolischen Auftrag zu rechtfertigen (Kap. 3,1-4,5) und nachdem er das für sich getan hat, in einem zweiten Schritt auch seine Mission (Kap. 4,6 - 6,10).

Dem folgt ein Versöhnungsangebot von seiner Seite (6,11-7,16): Er lenkt ein, bittet um ihr Vertrauen und schließt, dass die Lage sich doch ohnehin beruhigt habe und viele in Korinth bereits wieder für ihn streiten.

Dann kommt er erneut auf seine aktuelle Hauptaufgabe zu sprechen, auf die Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem (2. Kor. 8-9). Die Kollekte in Mazedonien scheint relativ reichlich ausgefallen zu sein, aber es nimmt schon Wunder, dass Paulus in der durchaus noch nicht entspannten Situation gleich wieder vom Geld anfängt. Der Verdacht liegt nahe, dass die Reisepläne weniger vom Sehnen nach einer engeren Beziehung zu Korinth geprägt waren, als von der Aufforderung der Gemeinde in Jerusalem, auch dort die Kollekte einzusammeln. Dies würde zumindest erklären, warum Paulus so viel Wert darauf legt, in dieser verfahrenen Situation seine eigene Position zu rechtfertigen und die dortigen Gemüter zu beruhigen, selbst wenn das hieß, dass er vorherige Anordnungen rückgängig machen muss.

Dementsprechend schließt der Brief (Kap. 10-13) auch mit der Abwehr der persönlichen Angriffe, die aus den Reihen der Korinther gegen ihn losgetreten wurden.

Was sind die theologischen Besonderheiten?

Dass dies ihm nahe geht, wird aus der Art seiner Argumentation ersichtlich. Immer wieder im Diktat merkt er, dass seine Argumente ziemlich töricht und nicht mehr im Einklang mit seiner eigenen Lehre sind. Nirgendwo sonst in seinen Briefen schreibt er, dass bestimmte Positionen nur seine eigene Meinung sind, und nicht das, was Jesus eigentlich wollte. Und immer wieder bezichtigt er sich selbst, in seiner Argumentation töricht zu sein. Nur in diesem Zusammenhang ist nachvollziehbar, dass er plötzlich eine Stufenleiter des Glaubens erwähnt: in vielen Dingen sei er noch heiliger als die anderen, würde noch mehr für Christus leiden und sei enger mit ihm verbunden. Aber er weiß: „Freilich ist solches Eigenlob im Grunde Unsinn.“ (2. Kor. 12,1)

Zusammenfassung:

Man könnte jetzt natürlich sagen, der 2. Korinther ist einfach der persönlichste Brief des Paulus und man könnte in ihm an den privaten Problemen teilhaben, in die er als Apostel durch sein Auftreten stolpert. Andererseits erfährt man durch dieses Schreiben jedoch auch eine Menge über das Selbstverständnis des Missionars und über die Schwierigkeiten, die mit diesem Amt verbunden sind – gerade in Regionen, die der neuen Religion gegenüber noch nicht offen sind.

„Merkwürdige Stellen“ (zum mit in die Woche nehmen, meditieren, auswendig lernen):

2. Kor. 4,2 Thema Aufrichtigkeit: Wir halten uns fern von allen Heimlichkeiten, über die wir uns schämen müssten, wir täuschen niemanden und verfälschen auch nicht Gottes Botschaft. Im Gegenteil, wir sind Gott verantwortlich und verkünden frei und unverfälscht seine Wahrheit. Das ist unsere Selbstempfehlung.

2. Kor. 8,21 Thema Aufrichtigkeit: Wir wollen uns nämlich nicht nur Gott, sondern auch den Menschen gegenüber gewissenhaft verhalten.

2. Kor. 9,6-7 Thema Freigiebigkeit: Ich bin überzeugt: Wer wenig sät, der wird auch wenig ernten; wer aber viel sät, der wird auch viel ernten. So soll jeder für sich selbst entscheiden, wie viel er geben will, und zwar freiwillig und nicht aus Pflichtgefühl. Denn Gott liebt den, der fröhlich gibt.

2. Kor. 4,8-9 Thema Not: Die Schwierigkeiten bedrängen uns von allen Seiten, und doch werden wir nicht von ihnen überwältigt. Wir sind oft ratlos, aber nie verzweifelt. Von Menschen werden wir verfolgt, aber bei Gott finden wir Zuflucht.

2. Kor. 4,16+17 Thema Not: Darum geben wir nicht auf. Wenn auch unsere körperlichen Kräfte aufgezehrt werden, wird doch das Leben, das Gott uns schenkt, von Tag zu Tag erneuert. Was wir jetzt leiden müssen, dauert nicht lange und ist leicht zu ertragen in Anbetracht der unendlichen, unvorstellbaren Herrlichkeit, die uns erwartet.

2. Kor. 2,14 Thema Sieg: Von ganzem Herzen danke ich Gott dafür, dass er uns überall im Triumphzug Christi mitführt. Wohin wir auch kommen, verbreitet sich die Erkenntnis Gottes wie ein angenehmer Duft, dem sich niemand entziehen kann.

2. Kor. 3,18 Thema Heiliger Geist: Wir alle aber stehen mit unverhülltem Gesicht vor Gott und spiegeln seine Herrlichkeit wieder. Der Herr verändert uns durch seinen Geist, damit wir ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen.

2. Kor. 5,20 Thema Zeugnis: So sind wir denn Gesandte an Christi Statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt: Lasst euch mit Gott versöhnen. Wir bitten euch darum im Auftrag Christi.

 

Zum Mitlesen und Abstreichen:

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