In einem Jahr durch die Bibel

Bibelkunde im Vogelflug - Der erste Korintherbrief

 

Zur Entstehung

Aus der Apostelgeschichte wissen wir, dass Paulus bereits bei seiner zweiten Missionsreise in Korinth gewesen ist. Bei dieser Reise war er bei den Zeltmachern Prisca und Aquilla untergekommen über die wir im Rahmen des Römerbriefes schon kurz gesprochen hatten. Paulus arbeitet bei ihnen und beginnt gleichzeitig seine Lehrtätigkeit in der dortigen Synagoge. Die ersten Judenchristen ließen sich taufen, allerdings die wenigsten durch Paulus selbst (1. Kor. 1,14-16). Anderthalb Jahre blieb Paulus dort und lehrte (Apg. 18,1-11). Zwar gab es Ärger mit den dortigen Juden, doch da der damalige Prokonsul Gallion sich nicht zuständig für die internen Querelen fühlte, verlief der von den Juden angestrebte Prozess im Sande. Es ist nicht ganz klar, wie lange Paulus danach noch in Korinth blieb. Die Bibel redet von „vielen Tagen“, was immer das heißt (Apg. 18,18).

Tatsache ist, dass er dann mit Prisca und Aquila nach Ephesus weiterreiste, den Kontakt mit Korinth aber hielt. Der Briefwechsel mit der dortigen Gemeinde ist leider nicht vollständig erhalten. Paulus erwähnt so in 1. Kor. 5,9 einen Brief, der deutlich vor dem uns bekannten „1. Korintherbrief“ geschrieben sein muss – wenn auch einige Theologen sagen, er sei in den jetzigen 1. Korinther mit eingearbeitet worden. Immer wieder tauchen in Ephesus auch Leute aus Korinth auf, die Paulus von der Situation der dortigen Gemeinde berichten (1. Kor. 1, 11: Leute aus dem Haus der Chloe; 16, 17: Stephanas, Fortunas, Achaikus). So setzt sich Paulus noch in Ephesus hin (1. Kor. 16, 8) und diktiert den folgenden Brief, dem er selbst nur einen Gruß mit eigener Hand anfügt (1. Kor. 16, 21).

Was wissen wir über die Gemeinde in Korinth?

Korinth war zur Zeit des Paulus eine bedeutende Handelsstadt mit zwei Häfen. Über Kenchräe, dem Hafen, in dem Phöbe arbeitete, hatten wir in Bezug auf den Römerbrief schon kurz gesprochen. Das war der sogenannte Osthafen, der die Schiffe für die Reiseroute nach Ephesus und weiter nach Syrien beherbergte. Der Westhafen, Lekaion, diente als Verbindungshafen für Rom und eben die westliche Welt. In vorchristlicher Zeit war Korinth Zentrum des griechischen Widerstands  gegen Rom, was zur Folge hatte, dass Korinth 146 v. Christus vollkommen zerstört wurde. In der Folge haben sich dort die unterschiedlichsten Gruppen niedergelassen, unter anderem auch die Juden, was man gut daran sehen kann, dass Paulus seine Missionstätigkeit ja sofort in der dortigen Synagoge aufnahm.

Die christliche Gemeinde dort kann nach dem Weggang Paulus’ nicht mehr so ganz klein gewesen sein, denn schnell spaltete sich die Gruppe in verschiedene Teile auf, die sich in der Lehre an unterschiedliche Richtungen hängte (1. Kor. 1,12). Dabei ist keineswegs gesagt, dass nur die in 1,12 genannten Lehrmeinungen bestanden, denn den Problemen zufolge, die Paulus in dem Brief beschreibt, scheinen noch ganz andere Leute ihre persönliche Sicht vom Glauben weitergegeben zu haben.

Wo findet man was?

So sind der Lehrstreit und die damit verbundene Spaltung in der Gemeinde auch gleich das erste wichtige Thema, mit dem sich der Brief beschäftigt (Kap. 1-4): Paulus ruft zur Einheit auf und verwirft alles, was sich selbst rühmt, besser zu sein als die anderen (Kap. 1). Gleichzeitig grenzt er sich aber auch gegen die Einflüsse durch die griechische Philosophie ab, die ebenso in die Gemeinde eingedrungen zu sein scheinen (Kap. 2 beinhaltet das Thema der Weisheit). Die Streitigkeiten sind für ihn ein Zeichen, dass diese Gemeinde noch immer in den Kinderschuhen steckt.

In den folgenden Kapiteln (5-11) beschäftigt er sich mit konkreten Problemen in der Gemeinde. Auch hier wieder ist die griechische Freizügigkeit in sexuellen Dingen ein Hauptproblem, mit dem er sich auseinander setzen muss. Das andere Hauptproblem ist der Umgang mit dem Götzenopferfleisch. Hinter beiden Themen steht der Freiheitsbegriff, der sich immer wieder durch die Argumentation der Korinther zu ziehen scheint. Nicht zuletzt deswegen wird der 1. Korintherbrief gern immer dann zitiert, wenn es gilt, zu freiheitsbetonte Christen wieder zur Räson zu rufen.

Der Umgang der heutigen Gemeinden mit Kapitel 11 ist nun ein tolles Beispiel dafür, wie selbst „bibeltreue“ Christen von der neutestamentlichen Lehre wegrationalisieren und plötzlich anfangen, die Bibel kultur-historisch zu relativieren. Es geht nämlich um die Rolle der Frauen in der Gemeinde, und da Paulus noch nicht viel vom Thema Feminismus hält, fällt sein Urteil dementsprechend konservativ aus (Fortsetzung in Kap. 14, 34f).

Etwas wertneutraler lässt sich dann mit Kapitel 12-14 das Wesentliche zum Thema Geistesgaben zusammenfassen. Kapitel 12 listet erst einmal auf, in Kapitel 13 wird die Liebe als höchstes Charisma genannt und in Kapitel 14 ihr praktischer Umgang für die Gemeinde erörtert.
Der Brief wird abgerundet mit einem Happen allg. Theologie, die in diesem Brief bisher ja sehr kurz gekommen ist. Und was bietet sich da besseres an als eine kurze Abhandlung zum Thema Auferstehung? Wenigstens ein bisschen theologisches Rüstzeug will Paulus den Korinthern dann eben schon zukommen lassen (Kap. 15). Er schließt, wie ja schon im Römerbrief, mit allerhand persönlichen Mitteilungen, erwähnt noch mal die Kollekte für Jerusalem, spinnt Reisepläne und sendet seine persönlichen Grüße (Kap. 16)

Was sind die theologischen Besonderheiten?

Der Brief hat zwei Stoßrichtungen. Die eine ist der Umgang mit der korinthischen Freizügigkeit, mit der sie auch das Christentum sehen. Korinth ist, im Gegensatz zu den kleinasischen Gemeinden, auch zur damaligen Zeit schon eine echte Multi-Kulti-Gesellschaft gewesen. Dementsprechend war auch die Gemeinde nicht frei von den Einflüssen der damaligen Zeit. Und irgendwie entwickelte sich unter den dortigen Christen auch schnell ein sehr eigenes Verständnis davon, was es heißt, „zur Freiheit berufen“ zu sein.

Aber auch im Blick auf die Charismen ist der 1. Korintherbrief das entscheidende Nachschlagewerk, legt Paulus hier doch erstmals und ausführlich Grund in eine eigene Lehre der Charismen (1. Kor. 12-14).

Zusammenfassung:

Auch wenn die Argumentation des Paulus teilweise recht antiquarisch wirkt, spiegeln sich in diesem Brief viele der Probleme, die in jeder multikulturellen Gesellschaft entstehen: Wie gehen wir mit dem Glauben anderer um, bzw. wie mit ihren Riten? Was bedeutet unsere Freiheit in Bezug auf unser Leben in einer Gesellschaft, in der unterschiedlichste Wertmaßstäbe aufeinander prallen? Und wie entwickeln wir in einem solchen Kontext Gottesdienstformen, die uns gut tun? Auf all diese Fragen versucht Paulus eine Antwort zu finden.

 

„Merkwürdige Stellen“ (zum mit in die Woche nehmen, meditieren, auswendig lernen):

1. Kor. 9, 27 Thema Selbstverleugnung: Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, dass ich nicht den anderen predige und selbst verwerflich bin.

1. Kor. 11,31-32 Thema Disziplin: Wenn wir uns selbst prüfen, wird Gott uns nicht auf diese Weise strafen. Straft uns aber der Herr, so will er uns erziehen, damit wir nicht zusammen mit der gottlosen Welt verurteilt werden.

1. Kor. 10,13 Thema Sieg: Was euch aber bisher an Prüfungen zugemutet wurde, überstieg nicht eure Kraft. Gott steht zu euch. Er lässt nicht zu, dass die Versuchung größer ist, als ihr es ertragen könnt. Wenn euer Glaube auf die Probe gestellt wird, schafft Gott auch die Möglichkeiten, sie zu bestehen.

1. Kor. 3,16 Thema Heiliger Geist: Denkt also daran, dass ihr Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in euch wohnt.

1. Kor. 6,19-20 Thema Gottesherrschaft: Habt ihr etwa vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den euch Gott gegeben hat? Ihr gehört also nicht euch selbst. Gott hat euch freigekauft, damit ihr ihm gehört; nun dient auch mit eurem Körper dem Ansehen Gottes in der Welt.

1. Kor. 6,12 Thema Freiheit: "Es ist alles erlaubt", sagt ihr. Das mag stimmen, aber es ist nicht alles gut für euch. Mir ist alles erlaubt, aber ich will mich nicht von irgendetwas beherrschen lassen.

1. Kor. 8,9 Thema Anfechtung: Trotzdem sollt ihr darauf achten, dass ihr mit eurer neu gewonnenen Freiheit dem nicht schadet, dessen Glaube noch schwach ist.

 

Zum Mitlesen und Abstreichen:

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