In einem Jahr durch die Bibel

Bibelkunde im Vogelflug - Römer

 

Zur Entstehung

Den Plan, nach seinem Erfolg in Griechenland nun auch Italien für den Glauben einzunehmen, entwickelte Paulus während seiner dritten Missionsreise (Apg. 19,21). Die Gemeinde in Ephesus, in der er sich zu der Zeit befand, wurde von Apollos als Lehrer dominiert, der die neue Lehre noch den Juden in der Synagoge predigte. Aber Apollos hatte den neuen „Weg“ noch zu Zeiten Johannes des Täufers kennen gelernt und wusste nichts über den Geist Gottes. Als Paulus bei seinem Besuch einer Gruppe von Synagogenbesuchern die Hand auflegt, und sie in der Folge zu prophezeien beginnen, kommt es zur Trennung. Fortan wird das Evangelium nicht mehr in der Synagoge gelehrt, sondern in einem Saal des Tyrannos. Damit ist die Trennung von Gemeinde und Synagoge erstmals vollzogen. Das sorgt auf der einen Seite für Wirbel in Ephesus, andererseits geschehen auch viele Dinge, die Paulus Mut machen (Apg. 18,24-19,40).

So beschließt er, über Mazedonien und Achaja nach Jerusalem zu gehen und von dort aus nach Rom zu reisen, wo es bereits eine Gemeinde gibt, die er selbst noch nie besucht hat (Röm. 15,22). Vergleicht man die Reisepläne, von denen Paulus im Römerbrief (Röm. 15,25-28) schreibt, mit dem Reisebericht, den Lukas in der Apostelgeschichte gibt, wird klar, dass der Römerbrief nach seinem Besuch in Mazedonien und Achaja auf dem Weg nach Jerusalem geschrieben wurde (Röm 15,25f): In beiden Regionen wurden Sammlungen für die Gemeinde in Jerusalem durchgeführt, und Paulus will das erhaltene Geld selbst zur Muttergemeinde bringen.

Betrachtet man nur den Briefschluss (Röm. 16), könnte man etwas früher datieren: In Vers 22f grüßt Tertius die Gemeinde. Ihm hat Paulus seinen Brief diktiert. Tertius befindet sich noch im Haus von Gajus, vom dem wir aus 1. Kor. 1,14 wissen, dass er zur Gemeinde in Korinth gehört. Allerdings ist es schwierig, hieraus Rückschlüsse auf den Entstehungsort des Briefes zu ziehen. Denn im gleichen Briefschluss grüßt Paulus auch Prisca und Aquilla (Röm 16,3), die doch mit ihm zusammen in Korinth waren und sogar nach Ephesus mitgezogen sind (Apg. 18,2.3; 1. Kor. 4,12; 16,19). Man geht davon aus, dass sie später wieder zurück nach Rom gegangen sind. Wenn Paulus sie jedoch dort grüßen lässt, kann der Brief unmöglich bereits in Korinth geschrieben worden sein. Eher lässt sich vermuten, dass sie von Ephesus aus beschlossen haben, zurückzukehren und Paulus dortige Ankunft vorzubereiten.

Eine andere Überlegung macht in Theologenkreisen die Runde. Der eigentliche Römerbrief endet ja ohnehin deutlich mit dem Amen in Kap. 15,33. Was, wenn es nun zwei Exemplare dieses Briefes gab, einen – ursprünglichen – für die Gemeinde in Rom, und eine Kopie an die Gemeinde in Ephesus, und für diese zweite Gemeinde dann ein Anhang mit Grüßen? Dafür spricht, dass Paulus ja eine große Menge Leute in der Gemeinde zu kennen scheint, schaut man sich die Grußliste Kap. 16, 3-15 an, - ungewöhnlich groß angesichts der Tatsache, dass er nie dort war. Aber zumindest bei den Erstgenannten, Prisca und Aquilla, müsste man nach Apostelgeschichte und 1. Korintherbrief eigentlich annehmen, sie befänden sich noch in Ephesus (s.o.). Insgesamt scheint eine solche Grußliste wahrscheinlicher, wenn man davon ausgeht, dass Paulus die Gemeinde tatsächlich erst kurz zuvor verlassen hat und nun eine Kopie seines letzten theologischen Werks dorthin senden lässt. Eine Auftragsarbeit für Tertius, der sich dieser Fleißübung in Korinth unterzieht und die Abschrift dann Phöbe übergibt, die in der Hafengemeinde Korinths (Kenchreä, 16,1) arbeitet.

Wichtig ist einfach zu beachten, dass in Kap. 16 Rom nicht erwähnt wird, dafür aber die Gemeinde in der Provinz Asia, zu der auch Ephesus gehört (16,5). (Um die Verwirrung komplett zu machen, reden manche Kopien des Urtextes nicht von der Provinz Asia, sondern von Achaia – und dementsprechend zieht sich diese Uneinigkeit auch durch die Übersetzungen, z.B. Hoffnung für alle („Asia“) gegen Luther („Achaia“ – allerdings haben spätere Luther-„Revisionen“ daraus wieder „Asien“ gemacht.))

Was wissen wir über die Gemeinde in Rom?

Dank eines regen Handelsverkehrs war die Nachricht vom neuen Glauben schon früh nach Rom gekommen, ohne dass einer der Apostel daran beteiligt war. Schon bei der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten waren römische Bürger anwesend, die dann wahrscheinlich später in Rom eine erste Gemeindezelle gebildet haben (Apg. 2,10).

Alles andere ist nur aus nichtchristlichen Quellen überliefert, denn anders als in anderen Briefen geht Paulus hier nicht auf die Situation der Gemeinde ein, sondern verfasst sozusagen sein theologisches Testament: in aller Ausführlichkeit schildert er den Glauben an Jesus Christus in seinen verschiedenen Phasen und mit seinen praktischen Konsequenzen. Aber dazu später.

In Rom ist seit wenigen Jahren (seit 54 n.Chr.) Nero an der Macht. Es ist das „Silberne Zeitalter Roms“, das heißt, die ganz große Phase des Römischen Weltreichs ist bereits vorüber und aus der geistigen Leiterschaft wird mehr und mehr eine reine Militärmonarchie. Vom christlichen Glauben redet hier noch kaum jemand. Die römische Obrigkeit sah in den Christen lediglich eine jüdische Sekte und zuckte die Schultern. Das sollte sich erst ändern, als Nero in den Christen einen wunderbaren Sündenbock erkennt und 64 die erste große Christenverfolgung in Italien vom Zaun bricht. Liest man jedoch die Berichte über die Zahl der Märtyrer während dieser Verfolgungszeit, wird deutlich, dass es keine wirklich kleine Gruppe mehr war, die sich dort zu christlichen Gottesdiensten traf.

Wo findet man was?

Das schöne am Römerbrief ist sein klarer Aufbau, der systematisch die Lehre des Paulus wiedergibt: er beginnt seinen Rundkurs bei den Heiden, die sich gegen Gott auflehnen (Kap. 1,18-32), und geht dann über zu den Juden, die genauso unter dem Gericht stehen (Kap. 2): erst die „Beschneidung durch den Heiligen Geist, die zu einem neuen Sinneswandel führt, zählt vor Gott“ (Kap. 2,29). Und damit hat Paulus den Schwenk vom Allgemeinen zum Neuen, der Christlichen Lehre gemacht:

Vor Gott sind alle Menschen schuldig (Kap. 3), erläutert er, um dann in Kapitel 4 das Verhältnis von Gesetz und Glaube zu erklären. Aber im Tod hat uns Christus mit Gott versöhnt und uns so gerecht gesprochen (Kap. 5). Durch unsere Taufe haben wir Teil an diesem Tod und sind von der Sünde befreit (Kap. 6). Wir sind vom Gesetz frei Kap. 7) zum neuen Wesen im Geist (Kap. 8). Also die Grundlagen des christlichen Glaubens, einmal klar zusammengefasst.

Nachdem so die Theorie gelegt ist, befasst sich Paulus in den Kapiteln 9-11 mit der Frage nach dem Schicksal Israels, und er ist nicht sonderlich optimistisch, was das angeht. Dann folgt in den Kapiteln 12-15 die Beschreibung des neuen Gottesdienstes, wie Paulus ihn sieht: nicht mehr ein Ritus, sondern das ganze Leben sei unser Gottesdienst, heißt es in Kapitel 12 – was auch eine dringende Ermahnung an die Einheit und das Miteinander einschließt (Kap. 12,3-21). Es folgen Überlegungen zum Thema „Obrigkeit“ (Kap. 13,1-7) und „Nächstenliebe“ (Kap. 13,8-14), noch mal explizit am Umgang mit den Geschwistern erklärt (Kap. 14/15). Dann der erste Briefschluss Kap. 15,14-33, in dem Paulus noch einmal seinen apostolischen Auftrag und seine Reisepläne beschreibt. Über den Anhang, das etwas sonderbare Kapitel 16, haben wir ja weiter oben schon gesprochen.

 

Was sind die theologischen Besonderheiten?

Dieser Brief spiegelt bis ins letzte die paulinische Theologie, wie wir sie auch in allen anderen Briefen ansatzweise finden. Der einzige auffällige Unterschied besteht im Verhältnis zur Obrigkeit, vielleicht bedingt durch die Tatsache, dass Rom unter Nero für die Christen kein einfaches Pflaster war und sie als Gruppe auch noch nicht so groß waren, dass sie sinnvoll etwas hätten ausrichten können. So rät Paulus den Römern in Kapitel 13, sich der staatlichen Ordnung unterzuordnen: Solange ihr euch an die Gesetze haltet, kann eigentlich nichts passieren (Kap. 13,3), meint er. Hier findet sich nichts von dem mutigen Aufruf zum Widerstand an bösen Tagen, wie er es im Epheserbrief (Kap. 6, 13 – ανθίσημι – anthistämi, das wir aus Esther 9,2 und 3. Makkabäer 6,19 kennen) tut.

Zusammenfassung:

Wer also einmal einen ersten Überblick über das Besondere der christlichen Lehre, gerade in der Abgrenzung zur „Mutterreligion“ Judentum sucht, ist mit dem Römerbrief bestens bedient. An keiner anderen Stelle der Bibel wird so systematisch und klar der Grund gelegt für unseren Glauben und dieser im zweiten Teil praktisch für unser Leben umgesetzt.

„Merkwürdige Stellen“ (zum mit in die Woche nehmen, meditieren, auswendig lernen):

Röm. 12,17 Thema Ehrlichkeit: Vergeltet niemals Unrecht mit neuem Unrecht. Seid darauf bedacht, allen Menschen Gutes zu tun.

Röm 12,9-10 Thema Liebe: Eure Liebe muss aufrichtig sein. Und wie ihr das Böse hassen müsst, sollt ihr das Gute lieben. In herzlicher Liebe sollt ihr miteinander verbunden sein, und gegenseitige Achtung soll euer Zusammenleben bestimmen.

Röm 13,14 Thema Selbstverleugnung: Statt dessen soll Jesus Christus euer Vorbild sein. Hütet euch davor, euern Leib mit seinen Wünschen und Begierden zum Mittelpunkt eures Lebens zu machen.

Röm 5,3-4 Thema Not: Wir danken Gott auch für die Leiden, die wir wegen unseres Glaubens auf uns nehmen müssen. Denn in solchen Leiden lernen wir, geduldig zu werden. Geduld aber vertieft und festigt unseren Glauben, und das wieder gibt uns Hoffnung.

Röm. 8,28 Thema Not: Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, aber auch wirklich alles zu seinem Heil; denn dazu hat Gott selbst ihn erwählt und berufen.

Röm 8,16-17 Thema Heiliger Geist: Gottes Geist selbst gibt uns die innere Gewissheit, dass wir Gottes Kinder sind. Als seine Kinder aber sind wir - gemeinsam mit Christus - auch seine Erben. Und leiden wir jetzt mit Christus, werden wir einmal auch seine Herrlichkeit mit ihm teilen.

Röm 8,14 Thema Heiliger Geist: Alle, die sich vom Geist Gottes regieren lassen, sind Kinder Gottes.

Röm 8,38-39 Thema Heilsgewissheit: Denn da bin ich ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch irgendwelche Gewalten, weder Himmel noch Hölle oder sonst irgend etwas können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, bewiesen hat.

Röm 5,8 Thema Erlösung: Gott aber hat uns seine große Liebe gerade dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.

 

Zum Mitlesen und Abstreichen:

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