In einem Jahr durch die Bibel

Bibelkunde im Vogelflug - Apostelgeschichte

 

Zur Entstehung

Wir hatten ja bereits beim Lukas-Evangelium darüber geredet, dass die Apostelgeschichte ursprünglich Teil eines umfassenden Geschichtswerkes war, das von der ersten Verkündung der neuen Zeit bis zur Gefangennahme Paulus in Rom reicht, also eine komplette Darstellung der ersten Christenheit vom Auftreten Jesu bis hin zur Institutionalisierung der Kirche. Die Übersetzungen von Apg. 1,1 treffen den Kern nur halb: Lukas redet von seiner Schrift als λόγος (logos), was im Schriftstellerjargon der damaligen Zeit die Schriftrollen eines zusammenhängenden, mehrbändigen Werks bezeichnete.
Die erste Rolle, das Evangelium, beendet Lukas mit der Himmelfahrt Jesu. Die Apostelgeschichte beginnt nun an derselben Stelle. Wie in einer Fernsehserie beginnt er den zweiten Teil mit einer Zusammenfassung und setzt dann wieder mit dem Ende von Teil eins ein: Jesus nimmt erneut Abschied, weist auf den Heiligen Geist hin, der kommen wird (Apg. 1,4) und fährt auf gen Himmel. Nun wird direkt überblendet auf den Kreis der Jünger, der verdutzt nach oben schaut, von zwei Engeln getröstet wird und nun schauen muss, wie er ohne Jesus zurecht kommt.

Nicht eingegangen sind wir bis jetzt auf die Entstehungszeit des Werks. Zwei verschiedene Theorien sind im Umlauf. Die eine Theorie geht von dem aus, was in der Apostelgeschichte nicht berichtet wird. Es fehlen der Tod von Paulus und Jakobus, wie überhaupt eine systematische Christenverfolgung außerhalb Jerusalems (Kap. 8,2) noch nicht bekannt zu sein scheint. Das ließe darauf schließen, dass der Text relativ früh, also noch vor dem Tod des Paulus 62/63 geschrieben sein müsste.

Dagegen spricht, dass einige Passagen aus dem Matthäusevangelium, das Lukas ja vorgelegen hat, darauf hindeuten, dass Jerusalem bereits zerstört war, als es entstand. Damit wäre eine Datierung erst für nach dem Jahr 70 möglich.

Welche Rolle hatte Lukas in der Apostelgeschichte?

Auch über die Rolle des Lukas in der Apostelgeschichte hatten wir ja bereits geredet. Er ist von Beruf Arzt (Kol. 4,14) und mit Paulus zusammen in Rom in Gefangenschaft (Philem. 24; 2. Tim. 4,11). Schon bei der ersten Gefangenschaft des Paulus in Cäsarea war er anwesend (Apg. 20,5ff). Allerdings ist in Apg. 27 auffällig, dass Lukas zwar berichtet, er sei bei der Seereise nach Rom zwar dabei gewesen, nicht jedoch, er sei selbst gefangen (Apg. 27,1). Wahrscheinlich hielt er ebenso wie Johannes Markus lediglich als freier Mann den Kontakt mit Paulus aufrecht und begleitete ihn, soweit ihm das zugestanden wurde.

Interessant ist jedoch, dass Lukas im Rahmen der Apostelgeschichte immer mal wieder von „wir“ und „uns“ redet. Er gibt sich somit als Zeitzeuge klar zu erkennen (Kap. 16,10-17; 20,5-15; 21,1-18; 27,1- 28,16).

Wo findet man was?

Apg. 1,8 gibt einen guten Überblick über das, was in dem Werk beschrieben ist. An dieser Stelle verheißt Jesus programmatisch den Fortschritt der Gemeinde: „Ihr werdet den Heiligen Geist empfangen (Kap. 2), und durch seine Kraft meine Zeugen sein in Jerusalem und Judäa (Kap. 3-7), in Samarien (Kap. 8) und auf der ganzen Erde (Kap. 9-28).“

Etwas weniger programmatisch beginnt der Text mit der Neuorganisation der Apostel: Es wird ausführlich das Schicksal des Judas geschildert, das gleichzeitig eine Neuwahl eines Apostels bedarf, um den Kreis der 12 wieder zu schließen. Zwei Leute stehen zur Wahl, Josef und Matthias, die beide von Anfang an zum Dunstkreis um Jesus gehörten (Kap. 1,21-26). Das Los entscheidet und Matthias wird in den Kreis aufgenommen.

In Kapitel 2 folgt die allseits bekannte Geschichte vom Pfingstwunder: Der Heilige Geist befähigt die Geschwister, sich der neuen Aufgabe zu stellen. Insofern ist nur folgerichtig, dass Kapitel 3-6 vom Alltag in der Jerusalemer Christengemeinde berichtet. Mit Kapitel 7 beginnt dann die Christenverfolgung in der Hauptstadt, die die Jünger in die Umgegend fliehen lässt. Dies ist der Beginn der Missionstätigkeit in Judäa (Kap. 7) und Samarien (Kap. 8). Kapitel 9 schildert die Berufung des Paulus, wendet sich dann aber Petrus zu, der nach seiner Vision in Cäsarea (Kap. 10) mit der Heidenmission beginnt – was zunächst von der Jerusalemer Gemeinde scharf verurteilt wird. Er muss sich vor dem Gemeinderat verantworten und bekommt nach seiner Verteidigungsrede die Erlaubnis (11,18), in seinem Tun fortzufahren. Allerdings wird er ebenfalls Opfer der dortigen Christenverfolgung und wird inhaftiert. Das Wunder seiner Befreiung findet sich Kap. 12.

Die nächsten neun Kapitel erzählen in Blöcken von je 3 Kapiteln die drei Missionsreisen des Paulus. (1. Reise: Kap. 13-15; 2. Reise: Kap. 16-18; 3. Reise: Kap. 19-21). Dann wird auch Paulus festgenommen. Wieder beschreibt Lukas in drei Blöcken das Wirken in der Gefangenschaft zunächst in Jerusalem (Kap. 21,27- 23), in Cäsarea (Kap. 24-26) und Rom (Kap. 27-28).

Was sind die theologischen Besonderheiten?

Wir hatten oben ja gesehen, dass Lukas Paulus spätestens seit Troas (Apg. 16) begleitete und vor allem in den Phasen der Gefangenschaft immer an seiner Seite war. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch das Lukanische Geschichtswerk in der Tradition und im Sprachgebrauch stark an die Theologie des Paulus erinnert.

Wichtig ist, dass als Ausgangspunkt jeglicher Aktivität die Ausgießung des Heiligen Geistes beschrieben wird. Bei Lukas (Apg. 1,8) kündigt Jesus diese Ausgießung für die Zeit nach seiner Himmelfahrt an. Fast klingt es, als bitte er die Jünger, bis dahin in Jerusalem zu warten. Erst durch die Kraft des Geistes ist ein Zeugendienst, wie Jesus ihn sich vorstellt, überhaupt möglich. Dass Johannes bereits zu einem früheren Zeitpunkt erzählt, wie Jesus den Geist an die Jünger weiter gibt (Johannes 20, 22-23), zeigt letztlich, dass Geisterfahrung nichts völlig Neues für die Jünger ist. Ohne die Konzepte von Johannes und Lukas vermengen zu wollen, lässt sich doch sagen, dass die Jünger direkt oder indirekt für die Zeit ausgerüstet werden, wo Jesus selbst nicht mehr unter ihnen weilt.

Und tatsächlich wirken die Apostel weiterhin vollmächtig, wie Jesus es getan hat: sie heilen Kranke, vollbringen Wunder, und wecken sogar Tote auf (Apg. 9,39-41 Tabita; 20,9-12 Eutychus).

Zusammenfassung:

Die Apostelgeschichte bezeichnet den Beginn der institutionalisierten Kirche. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, wie die Jünger in vielen Punkten lediglich auf die Ereignisse reagieren. Immer wieder beschreibt Lukas die Vorgänge als Reaktion auf Fakten, so die Nachwahl des Matthias als Reaktion auf den Tod Judas’, und später die Ausbreitung des Glaubens als Reaktion auf die Christenverfolgung in Jerusalem. Aber das ist die subjektive Wahrnehmung der Beteiligten. Denn genauso deutlich stellt Lukas an den Anfang seines zweiten Werks die Verheißung Gottes, die alles bereits deutlich sieht und den Jüngern vorhersagt. Wer also wissen will, wie aus dem Haufen derjenigen, die damals um Jesus waren, die Kirche mit ihren verschiedenen Gemeinden und theologischen Besonderheiten wurde, ist mit der Apostelgeschichte bestens bedient. 

„Merkwürdige Stellen“ (zum mit in die Woche nehmen, meditieren, auswendig lernen):

Apg. 16,31 Thema Erlösung: Glaubet an den Herrn Jesus, dann werden du und alle, die in deinem Haus leben, gerettet.

Apg. 1,8  Thema Zeugen-sein: Ihr werdet den Heiligen Geist empfangen und durch seine Kraft meine Zeugen sein in Jerusalem und Judäa, in Samarien und auf der ganzen Welt.

Apg. 4,31 Thema Heiliger Geist: Als sie gebetet hatten, bebte das Haus, in dem sie zusammengekommen waren. Sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und verkündeten furchtlos die Botschaft Gottes.

Apg. 4,20 Thema Zeugen-sein: Wir können unmöglich verschweigen, was wir gesehen und gehört haben.

Apg. 20,35 Thema Freigiebigkeit: Damit wollte ich euch zeigen, wie man arbeiten muss, um den Armen zu helfen und das zu erfüllen, was unser Herr Jesus selbst gesagt hat: Geben macht glücklicher als Nehmen.

Apg. 2,42  Thema Kirche: Alle in der Gemeinde ließen sich regelmäßig von den Aposteln im Glauben unterweisen und lebten in enger Gemeinschaft, feierten das Abendmahl und beteten miteinander.

 

Zum Mitlesen und Abstreichen:

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