Zur EntstehungWir haben es bei Johannes mit dem jüngsten Evangelium zu tun, dass wohl in der Zeit zwischen 90-100 n. Chr. verfasst wurde. Eine ganze Generation ist seit Tod und Auferstehung Jesu vergangen. Johannes hat das einzige wirklich autonome Evangelium des Neuen Testamentes geschrieben. Wenn er die anderen drei Evangelien gekannt hat, was eigentlich wahrscheinlich ist, hat er sie zumindest nicht für seine Schrift benutzt. Wer war Johannes?Vom „Jünger, den Jesus lieb hatte“ (Joh. 13,23; 19,26; 20,2; 21,20 – im O-Ton: αγαπάω, agapáo, um sämtliche Mutmaßungen im Kein zu ersticken) und, wenn man der allgemeinen Überlieferung glaubt, auch dem Autor der Apokalypse, des letzten Buches der Bibel, erzählen uns die Evangelien, dass er vor seiner Zeit mit Jesus Fischer gewesen sein. Auffällig an diesem Evangelium ist jedoch der poetisch-philosophische Ton, den der Autor anschlägt. Zwar ist ein solcher Ton für einen Fischer vielleicht denkbar, wenn man sich vorstellt, er habe die letzten 70 Jahre seines Lebens einen neuen Beruf ausgeübt, andererseits lässt es natürlich vermuten, dass hier jemand mit einer klaren Vorbildung als Autor tätig war. Daher sind einige Exegeten nicht wirklich davon überzeugt, dass der Autor dieser Schrift mit dem Jünger identisch ist. Anders als Lukas benutzt er auch nie die Formel „wir“, das heißt: er selbst behauptet von sich auch gar nicht, eben dieser Jünger zu sein. Das ist wichtig, wenn man tatsächlich über diesen Punkt ins Diskutieren kommt. Andererseits erzählen die Kirchenväter, Johannes wäre etwa ums Jahr 100 in Ephesus gestorben. Nach dem Tod des Apostels Paulus soll er sich dort niedergelassen haben, um als heidenchristlicher Lehrer und Gemeindeleiter zu wirken. Dies würde durchaus zum Abschluss des Evangeliums passen, wo die Frage nach der Intention des Johannes geklärt wird: Kap. 20,30.31: Auch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und das ihr durch den Glauben das Leben habt in seinen Namen. Wo findet man was?Eine gängige Unterteilung des Textes ist:
Kap. 1-4: Der Aufgang des Lichts in der
Welt Da Jesus bei Johannes nur in der ersten Zeit Wunder vollbringt, die bei Johannes „Zeichen“ genannt werden, benutzen viele auch die etwas gröbere Einteilung:
Kap. 1-12: Buch der Zeichen Was sind die theologischen Besonderheiten?Die wichtigste Besonderheit dieses Evangeliums ist wahrscheinlich weniger eine inhaltliche als eine Sprachliche. Mittlerweile sind wir viele der Bilder, die Johannes benutzt, durch unseren kanaanäischen Sprachgebrauch gewohnt. Ob aber die ersten Christen sofort verstanden, was Johannes meinte, als er sagte: „Und das Wort wurde Fleisch“. Oder: „Siehe, da kommt das Lamm Gottes“? Johannes setzt bei seinen Lesern zumindest ein hohes Abstraktionsvermögen voraus und manche sagen, dass es kaum einen Vers in diesem Evangelium gibt, der nicht symbolisch befrachtet ist. Wie schon Markus schrieb Johannes für Heidenchristen und erklärte ihnen immer wieder bestimmte jüdische Bräuche und Zusammenhänge: Kap. 1,41; 2,5; 4,9; 19;40 Andererseits kommt aber bei Johannes oft das Gefühl auf, dass für ihn die Juden eher ein Symbol für den Unglauben sind. Sie sind es, die nicht verstehen; die ihren Glauben in einen Formalismus pressen, statt in eine Beziehung. Manche bezeichnen daher den Ton des Evangeliums sogar als antisemitisch. Lehre wird im Johannes-Evangelium nicht gepredigt, sondern oft im Dialog entwickelt. Da ist die Begegnung mit Nikodemus, mit der Frau am Brunnen oder immer wieder mit den Juden, den Schriftgelehrten und Pharisäern. Wie ein roter Faden durchzieht das Evangelium der Hinweis auf „die Stunde“ (Kap. 2,4; 7,30; 8,20). Dann, zur Hälfte des Evangeliums, beim dritten (!) Einzug in Jerusalem, naht sie (12,23), die „Stunde, da de Menschensohn verherrlicht wird“, oder, wie es wenig später heißt: „die Stunde, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.“ (13,1). Das heißt, das ganze Evangelium richtet sich also an diesem Punkt, der Kreuzigung und Auferstehung aus, und zwar nicht nur formal-chronologisch – das tun die anderen Evangelien auch-, sondern von Anfang an als ein Zuschreiten auf den Augenblick, wo es passieren wird. Zusammenfassung:Dieses Evangelium ist kein leicht konsumierbarer Text, sondern verlangt entweder ein hohes Bildungsniveau oder aber eine gewisse Vorlaufzeit in christlichen Gemeinden, um sich an den Sprachgebrauch zu gewöhnen. Dabei wagt sich kein anderer Autor so dicht an die Emotionen heran, die Jesus getrieben haben mögen. Vielleicht steht der Text deshalb in dem Ruf, gleichzeitig das persönlichste Zeugnis von Jesus zu sein. Interessant aber ist es vor allem darum, weil es viele Episoden enthält, die den anderen drei Evangelien fehlen. „Merkwürdige Stellen“ (zum mit in die Woche nehmen, meditieren, auswendig lernen):
Zum Mitlesen und Abstreichen:
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