In einem Jahr durch die Bibel

Bibelkunde im Vogelflug - Lukas

 

Zur Entstehung

Die Übersetzung „Gute Nachricht“ beginnt das Lukasevangelium ein wenig flapsig: „Schon viele haben versucht, die Ereignisse darzustellen, die Gott unter uns geschehen ließ und die wir durch die Berichte der Augenzeugen kennen, die von Anfang an alles miterlebt hatten und den Auftrag erhalten haben, die Gute Nachricht weiterzugeben. Darum habe auch ich mich dazu entschlossen, alles bis hin zu den ersten Anfängen sorgfältig zu erforschen und es dir, verehrter Theophilus, der Reihe nach zu berichten. Ich tue das, damit du die Zuverlässigkeit der Lehre erkennst, in der man dich unterwiesen hat.

Dieser Anfang macht mehrere Dinge klar. Es gab einige Evangelien vor Lukas, und da sich auch in diesem Evangelium einige Passagen befinden, die auf Markus zurückgehen – und einige Stellen, die die Sprüchesammlung Jesu (Q) entnommen sind -, kann man davon ausgehen, dass Lukas sich an etlichen Vorlagen bedient hat, um sein Werk zusammenzustellen. Dass der Autor zugibt, recherchiert zu haben (der O-Ton in Kap. 1,3 redet von παρακολουθέω (parakoluteo, was  „nachgehen, geistig folgen, begreifen, sich aneignen“ bedeutet), macht dies ein Verharren auf der in manchen Kreisen noch beliebten Verbal-Inspirationsthese ein wenig kompliziert. Und nicht zuletzt ist die Zielgruppe des Evangeliums deutlich: Theophilus ist in der christlichen Lehre unterrichtet, scheint aber noch nicht viel über das Leben Jesu zu wissen. Leider sagt die Bibel relativ wenig über diesen Menschen. Lediglich im zweiten Teil des Lukanischen Geschichtswerks, in der Apostelgeschichte 1,1, taucht der Name noch einmal auf. „Geschichtswerk“ nennen wir dieses Buch übrigens deswegen, weil Lukas viel Wert darauf legt, die Episoden in ihren zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen (vgl. 1,5; 2,1; 3,1): wer hatte zu der Zeit gerade welches Amt inne?

Wer war Lukas?

Während Markus ja eher zum Petrus-Klan gehörte, findet sich Lukas im Anhang von Paulus. Er ist von Beruf Arzt (Kol. 4,14) und mit Paulus zusammen in Rom in Gefangenschaft (Philem. 24; 2. Tim. 4,11). Schon bei der ersten Gefangenschaft des Paulus in Cäsarea war er anwesend (Apg. 20,5ff). Allerdings ist in Apg. 27 auffällig, dass Lukas zwar berichtet, er sei bei der Seereise nach Rom zwar dabei gewesen, nicht jedoch, er sei selbst gefangen (Apg. 27,1). Wahrscheinlich hielt er ebenso wie Johannes Markus lediglich als freier Mann den Kontakt mit Paulus aufrecht und begleitete ihn, soweit ihm das zugestanden wurde.

Die Begegnung mit Theophilus, dem das Buch gewidmet ist, wird nirgendwo in der Bibel geschildert. Man weiß also nicht viel mehr über diesen Mann, als dass sein Name römisch ist, mutmaßt aber, dass er durch Paulus bekehrt wurde und nun an dessen Gehilfen die Bitte richtete, mehr über Jesus zu erfahren. Lukas redet ihn als κράτιστος an (kratistos - etwas "hoch geehrter", eine Anrede, mit der vor allem hohe Beamte und Mitglieder des vornehmsten Geschlechts bezeichnet wurden).

Wo findet man was?

Wie nicht anders zu erwarten, ähnelt sich Lukas im Aufbau seines Textes sehr mit Matthäus und Markus. Allerdings merkt man ihm an, dass er auch da weitergeforscht hat, wo die anderen beiden Evangelisten der Einfachheit halber Lücken ließen. So hat er ausführlich die Kindheit und Jugend Jesu recherchiert hat (so zum Beispiel die Verheißungen Kap. 1,5-38; die traditionelle  Weihnachtsgeschichte Kap. 2,1-20; die Beschneidung Jesu 2,21-40; die Geschichte vom 12jährigen Jesus  im Tempel 2,41-52).

Kapitel 3-9 beschreiben das Wirken Jesu in Galiläa. Die hier beschriebenen Episoden finden sich auch bei den anderen Evangelisten. Es folgt dann jedoch mit Kapitel 10-18 der sogenannte „lukanische Reisebericht“ mit einigem eigenen Material (s.u.). Kap. 18 enthält den Weg Jesu nach Jerusalem, 19-21 die Zeit in Jerusalem und 22-24 Leiden, Tod und Auferstehung.

Eigentlich geht das Werk direkt weiter mit Apostelgeschichte 1,1. Da man aber unbedingt noch das Johannesevangelium mit ins NT aufnehmen wollte, sprengte man die beiden Teile auseinander und setzte Johannes dazwischen.

Was sind die theologischen Besonderheiten?

Sowohl bei Matthäus als auch bei Markus kommt der Verdacht auf, die Jünger würden mit einem baldigen Ende der Zeit rechnen. Das sieht Lukas völlig anders. In Lk. 21,8 zitiert er Jesus mit den Worten: „Sehet zu, lasset euch nicht verführen. Viele werden kommen in meinem Namen, und sagen, ich sehe es, und die Zeit ist nahe herbei gekommen. Folget ihnen nicht nach.“ Im selben Sinn ist auch das Gleichnis von den Minen von ihm interpretiert (Lk 19,11-27), das Matthäus zwar auch kennt, aber nicht in diesen Kontext stellt (Matth. 25,14-30).

Aber das sind schon theologische Spitzfindigkeiten, ebenso wie die Frage, welche Rolle Johannes der Täufer in Gottes Heilsgeschichte einnimmt. Denn nach Lukas gehört Johannes ans Ende der jüdischen Offenbahrung, wohingegen Jesus eine neue Zeit einläutet (Lk. 16,16), während Matthäus in ihm in erster Linie einen Wegbereiter Jesu sieht (Mt. 3,13 – im lukanischen Taufbericht wird Johannes nicht einmal erwähnt. vgl. Lk. 3,21f: Johannes ist bereits V. 20 gefangen!)

Ebenfalls nur bei ihm finden sich ein paar Episoden, die Jesu Position den Frauen gegenüber erleuchten: Die Fußsalbung durch die Sünderin (Lk. 7.36-50) findet sich bei ihm ebenso wie der Hinweis, dass einige Frauen dem Tross um Jesus angehörten (Lk. 8,1-3).

Wenn man aber nach einem theologischen Profil fragt, nach dem Lukas seine Texte zusammenstellt, stößt man zuerst auf das Wort „Rettung“ (σωτήρ (sotär - Erretter), σωτηρία (sotäria - Errettung) und σωτήριος (sotärios - retten)) sind Ausdrücke, die es bei den anderen Synoptikern (also Mt. und Mk.) nicht gibt, die sich aber durch den gesamten Text des lukanischen Geschichtswerks ziehen. Auch Paulus hat in seinen Briefen viel mit ihnen gearbeitet. Luther und andere übersetzten hier gern mit „Heil“ – „Heiland“ ist so eine typisch lutherische Wortneuschöpfung, deren wahre Bedeutung „Retter“ heute kaum noch jemand kennt.

Immer wieder weist Lukas darauf hin, dass diese Rettung von Jesus nicht nur für die Juden, sondern für alle Völker gedacht ist, und zwar vermittelt durch den Glauben. So zeigt Lukas immer wieder Menschen, die allein durch die Art, wie sie auf Jesus reagieren, gerettet werden. Da ist als bekannteste Geschichte der Verbrecher am Kreuz neben Jesus (Lk. 23,43). Daneben Zächäus, der Zöllner (Lk. 19,1-10) oder die oben schon erwähnte Sünderin, die ihm die Füße mit Öl salbte (Lk. 7,36-50). Alles Sondergut des Lukas. Und oft findet sich in diesem Zusammenhang der Satz: „Dein Glaube hat Dir geholfen“ (neben Lk. 7,50 auch 8,48; 17,19; 18,42), den die anderen Evangelisten auch nie gehört zu haben scheinen.

Zusammenfassung:

Während Matthäus versuchte, den Juden Jesus als den neuen Messias vor Augen zu führen und seinen Text vor allem auf den Reden Jesu aufbaute, und Markus den Heiden den religiösen Hintergrund Jesu erklärte und vor allem dessen Taten beschrieb, haben wir es bei Lukas mit einem wohl griechischen Autoren zu tun, der für einen Römer die Heilsgeschichte von der Verkündigung der Geburt Jesu durch die Engel bis hin zu Paulus Gefangenschaft in Rom, also bis zu den ersten Christen beschreibt. Sein Ziel ist es, Jesus als den Retter, den Heiland darzustellen. Und weil er immer wieder Leute beschreibt, die allein durch ihren Glauben gerettet werden, ist dieser Text vielleicht ideal für Leute, die einen ersten Schritt mit Jesus gehen wollen. Genau deshalb sind so viele Sonderdrucke des Lukas-Evangeliums als Verschenk-Texte im Umlauf.

 

„Merkwürdige Stellen“ (zum mit in die Woche nehmen, meditieren, auswendig lernen):

Lk. 23,34 Thema Vergeben: Jesus sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Lk 6,37 Thema Vergeben: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Verurteilt keinen Menschen, dann werdet auch ihr nicht verurteilt. Wenn ihr bereit seid, anderen zu vergeben, dann wird auch euch vergeben werden.

Lk. 14,11 Thema Demut: Jeder, der sich selbst ehrt, wird gedemütigt werden; aber wer sich selbst erniedrigt, wird geehrt werden.

Lk. 4,1-2 Thema Heilung: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen, nicht die Gerechten.

Lk. 22,31-32 Thema Versucher: Der Satan ist hinter euch her, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber ich habe für dich gebetet, damit du den Glauben nicht verlierst. Wenn du dann zu mir zurückkehrst, dann stärke den Glauben deiner Brüder.

Lk.6,46 Thema Gehorsam: Warum nennt ihr mich dauernd "Herr", wenn ihr doch nicht tut, was ich euch sage?

Lk 14,27 Thema Jüngerschaft: Wer nicht bereit ist, sein Kreuz auf sich zu nehmen und mir nachzufolgen, der kann nicht zu mir gehören.

Lk. 14,33 Thema Jüngerschaft: Überlegt auch ihr vorher, ob ihr wirklich bereit seid, alles für mich aufzugeben und mir nachzufolgen. Sonst könnt ihr nicht meine Jünger sein.

Lk. 6,46 Thema Lebensführung: Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut auch ihr ihnen.

 

Zum Mitlesen und Abstreichen:

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