In einem Jahr durch die Bibel

Bibelkunde im Vogelflug - Matthäus

 

Zur Entstehung

Die schlechte Nachricht zuerst: auf die Idee, das erste Buch des Neuen Testamentes dem Jünger Matthäus zuzuschreiben, kam Papias von Hierapolis. Der lebte irgendwann im 2. Jahrhundert (~120-160) und verfasste eine erste Exegese von Herrenworten, also von Sprüchen, die von Jesus überliefert wurden. Laut Papias ist der Jünger Matthäus zunächst daran gegangen, Aussprüche Jesu zusammenzustellen, und zwar noch in hebräisch, oder aramäisch – jenem Dialekt, den Jesus wohl gesprochen haben wird. Erst später sei diese Spruchsammlung dann mit den Geschichten vom Wirken Jesu zusammengearbeitet worden.

Wenn das stimmt, würde es erklären, warum sich im Matthäusevangelium die Jesus-Zitate oft in langen Redeblöcken finden. Wir haben hier die Bergpredigt (Kap. 5-7), die Aussendungsrede (Kap. 9,37-11,1), die Gleichnisrede (Kap. 13), die Gemeinderegeln (Kap. 18), die Rede gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer (Kap. 23) und die große Endzeitrede (Kap. 24-25).

Im Evangelium selbst wird jedoch kein Verfasser genannt, so dass es nicht „unbiblisch“ ist, seine Bedenken zu äußern.

Welchen Unterschied macht es aber, ob dieses Evangelium nun von dem Jünger Matthäus Levi, dem Sohn des Alphäus, stammt oder nicht? Wenn Matthäus einfach von dem berichtet, was er selbst während seiner Wanderschaft mit Jesus erlebt hat, dürfte man erwarten, dass sein Bericht mehr oder weniger originell wäre. Dem ist aber mitnichten so. Fakt ist, dass eine Menge Ereignisse genauso bei Markus beschrieben sind. Fakt aber auch, dass einige Texte zwar auch Lukas, nicht aber Markus hat. Geschrieben wurden diese Texte jedoch erst ca. 40-60 Jahre nach der Kreuzigung, also mit einigem zeitlichen Abstand.

Insgesamt geht man mittlerweile davon aus, dass Matthäus mehrere Quellen hatte, aus denen er sein Evangelium zusammenstellte: erstens das Markusevangelium (weil daraus einige Passagen bei Matthäus auftauchen), zweitens eine Schrift mit Aussprüchen Jesus (Loquienquelle, oder kurz „Q“ genannt, s.o.), die auch Lukas kannte und drittens einige Schriften, die er wo auch immer aufgegabelt hat – Sondergut eben, das im Übrigen genauso gut seiner eigenen Erinnerung entsprungen sein kann.

Wer aber war Matthäus?

Von der ganzen Komposition des Evangeliums her geht man davon aus, dass Matthäus für Judenchristen schrieb. Immer wieder zitiert Matthäus alttestamentliche Prophezeihungen und bringt sie in Verbindung mit Jesus. Allein 13mal gebraucht er hierfür die Formel: „Dies ist geschehen, auf dass erfüllt ist, was geschrieben ist in den Propheten.“ Ihm liegt also viel daran, Jesus als den Messias für eine Gemeinde erkennbar zu machen, die mit den Schriften vertraut ist. Darüber hinaus benutzt er diverse messianische Ehrentitel für Jesus, die eigentlich auch nur im jüdischen Kontext Sinn machen („Sohn Davids“ Mt 9,12.15.20; Mt 21,9; „Menschensohn“: Mt 8,20; 9,6; 12,8 – insg. 15mal; Kyrios). Und auch in seiner Predigt spricht er das jüdische Volk direkt an, wie es sonst in keinem anderen Evangelium geschieht: „Siehe, das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.“ (Mt. 21,43)

Natürlich fetzt sich Jesus auch in den anderen Evangelien mit den Pharisäern, aber es lohnt sich schon, Matthäus einmal nur unter dem Gesichtspunkt zu lesen, was er an Jesusreden über das Verhältnis zur „alten Religion“ zusammenträgt. Plötzlich werden die Seligpreisungen in Kapitel 5 genauso subversiv wie die Königreichsgleichnisse Kapitel 13 oder die direkte Auseinandersetzung mit den Juden in Jerusalem (Kapitel 20-25).

Wo findet man was bei Matthäus?

Vom Aufbau her sind die ersten drei Evangelien ziemlich gleich gestrickt, nur das Markus die ganze Kindheit Jesu aus seinem Text weglässt. Matthäus und Lukas beginnen mit zwei Kapiteln der Vorgeschichte, es folgt ein großer Block (bei Mt: Kap. 3-18) über das Wirken in Galiläa, der Weg nach Jerusalem (Kap. 19-20), der Zoff in Jerusalem selbst (Kap. 21-25) und abschließend drei Kapitel über Leiden, Tod und Auferstehung. Auch wenn die drei ersten Evangelien hier weitgehend gleich gestrickt sind, ist Matthäus mit seinen 28 Kapiteln doch eindeutig der ausführlichste Bericht.

Das Wirken Jesu ist bei Matthäus in zwei Viererblöcken zusammengestellt, die vielleicht eine Menge über die Theologie des Autors sagen:

                                                                                    1. Block             2. Block

-          Wortverkündigung                                         (Kap. 4-7;          13)

-          Praktisches Handeln Jesu                           (Kap. 8+9;         14-17)

-          Aufforderung an die Jünger zu handeln      (Kap. 10;           18)

-          Die Gegner formieren sich                          (Kap. 11+12;    19-23)

 

Damit kommen wir auch schon zur dritten Frage:

Gibt es sonst besondere Eigenheiten bei Matthäus?

Anders als zum Beispiel bei Markus werden die Jünger bei Matthäus oft als diejenigen dargestellt, die wirklich begreifen, was Jesus ihnen sagen will. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Text wirklich von einem Jünger stammt.
Stärker als in anderen Evangelien stellt er neben das Reden aber auch das tun – was natürlich erst dann auffällt, wenn man sich mal den Aufbau des Evangeliums anguckt und größere Passagen auf einmal liest (s.o.).

Besonders hervorzuheben ist aber, dass Matthäus schon stark die Gemeinde im Blick hat. So endet das bekannte Petrus-Bekenntnis (Mt. 16,16) in den Versionen von Markus (8,27-30) und Lukas (9,18-21) damit, dass Jesus die Jünger auffordert, dies nicht weiterzusagen, während er in Matthäus auf dies Bekenntnis hin Petrus zum Grundstein der Gemeinde macht. Das Thema Gemeindezucht (Mt. 18,15-34) fehlt den anderen Evangelien völlig. Nur an diesen beiden Stellen Mt. 16,18 und 18,17 taucht das Wort Gemeinde (griechisch: ekklesia) überhaupt in den Evangelien auf. Während man aus den anderen drei Evangelien also schließen könnte, das Jesus die Gemeinde noch gar nicht im Blick hatte und nur an der Aussendung seiner Jünger in alle Welt interessiert gewesen sein, zeigt Matthäus deutlich auf, dass Gemeinde von Anfang an im Plan Jesu enthalten war.

Zusammenfassung:

Die Art, wie Matthäus schreibt, richtet sich in erster Linie an oder gegen die althergebrachte Religion. Auf der einen Seite versucht er immer wieder (vor allem für Juden) deutlich zu machen, dass Jesus wirklich der neue Messias ist, auf der anderen befindet sich Jesus hier im Dauerstreit mit der religiösen Elite des Landes und versucht, gegen den Dogmatismus des „Das war schon immer so“ und „Es steht aber doch in den Schriften“ sein menschenfreundliches Evangelium zu setzen. So ist es auch kein Wunder, dass sich die „Goldene Regel“ (Mt. 7,12), in der er alle Heiligen Schriften zusammenfasst, nur bei ihm findet, genauso wie Passagen, in denen er sich gegen die Scheinsicherheit eines religiösen Lebens wendet (Mt. 7,21). Das Matthäusevangelium ist damit bestens geeignet für alle, die mit den offiziellen Vertretern der Kirchen, also der althergebrachten religiösen Autoritäten so ihre Schwierigkeiten haben und vielleicht aus diesem Grund den Kontakt zu einer Gemeinde völlig ablehnen: Jesus sieht diese Schwierigkeiten, - und stellenweise stellt er sich mit enormen Selbstbewusstsein gegen die in der Schrift fixierten Regeln. Seine Ausnahmeregeln und Uminterpretationen zeigen, worum es im christlichen Glauben wirklich geht. (Besonders gut nachvollziehbar in den sog. Antithesen Mt. 5, die es in dieser Ausführlichkeit in den anderen Evangelien auch nicht gibt: „Ihr habt gelesen…Ich aber sage euch“).

 

„Merkwürdige Stellen“ (zum mit in die Woche nehmen, meditieren, auswendig lernen):

Mt. 1,21 Thema Erlösung: Sie wird ein Kind bekommen, den sollst du Jesus nennen. Denn er wird die Menschen seines Volkes von ihren Sünden befreien.

Mt. 6,33 Thema Herrschaft: Trachtet zuerst nach dem Reiche des Herrn und seiner Gerechtigkeit. Alles andere wird euch zuteil werden.

Mt. 7,7 Thema Gebet: Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet.

Mt. 4,19 Thema Zeugen-sein: Kommt mit mir. Ich will euch zu Menschenfischern machen.

Mt. 10,24 Thema Jüngerschaft: Ein Schüler steht nicht über seinem Lehrer, und ein Diener hat es nicht besser als sein Herr.

Mt. 18,20 Thema Kirche: Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch.

Mt. 26,41 Thema Anfechtung: Bleibt wach und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt. Ich weiß, ihr wollt das Beste, aber aus eigener Kraft könnt ihr es nicht erreichen.

Mt. 11,28-29 Thema Gottes Schutz: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich werde euch Ruhe geben für euer Leben. Mir zu dienen ist keine Bürde für euch, meine Last ist leicht.

Mt. 18,21-22 Thema Vergeben: Da fragte Petrus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er mir Unrecht tut? Ist siebenmal nicht genug?“ „Nein“, antwortete Jesus. „Nicht siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal.“

 

Zum Mitlesen und Abstreichen:

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